Immun-Reset und KI-Diagnostik bei Diabetes: Zwei ERC Starting Grants für Uniklinikum und FAU
Immunologe Ricardo Grieshaber-Bouyer und Gefäßchirurg Angelos Karlas erhalten Förderung über je 1,5 Millionen Euro
Für ihre Arbeit zu verbesserten Immuntherapien und zur Vorhersage chronischer Wunden und ihrer Heilungschancen bei Diabetes werden zwei Forscher der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) und des Uniklinikums Erlangen mit dem begehrten Starting Grant des Europäischen Forschungsrates (ERC) ausgezeichnet. Prof. Dr. Ricardo Grieshaber-Bouyer untersucht, welche Rolle Neutrophile, die häufigsten Zellen des angeborenen Immunsystems, bei der Therapie entzündlicher Autoimmunerkrankungen wie rheumatoider Arthritis, systemischem Lupus erythematodes oder Multipler Sklerose spielen. PD Dr. Dr. Angelos Karlas entwickelt ein robotergestütztes und KI-basiertes Tool, das mit optischen und optoakustischen Verfahren die Mikrozirkulation und Sauerstoffversorgung im Gewebe analysiert und dabei hilft, die Entstehung und Heilung chronischer Wunden bei Diabetes Typ 2 besser zu verstehen. Die ERC Starting Grants sind mit je 1,5 Millionen Euro dotiert und umfassen einen Förderzeitraum von fünf Jahren.
Neustart bei Autoimmunerkrankungen – und warum er nicht bei allen gelingt
Die Therapie von Autoimmunerkrankungen wie rheumatoider Arthritis, systemischem Lupus erythematodes, Multipler Sklerose oder Pemphigus vulgaris hat in den letzten Jahren enorme Fortschritte erzielt. Eine vergleichsweise neue Strategie ist die tiefe B-Zell-Depletion, bei der schädliche oder fehlgesteuerte weiße Blutkörperchen aus dem Körper entfernt werden. „Wir erreichen das beispielsweise durch sogenannte T-Zell-Engager“, sagt Ricardo Grieshaber-Bouyer, Professor für Klinische Systemimmunologie an der FAU und Facharzt in der Medizinischen Klinik 3 – Rheumatologie und Immunologie des Uniklinikums Erlangen. „Das sind künstliche Antikörper, die körpereigene T-Zellen gezielt aktivieren und dafür sorgen, dass sie schädliche B-Zellen zerstören.“ Gelingt dieser Immun-Reset, können Betroffene ohne Dauermedikation leben – ein Ziel, das bei schweren Autoimmunerkrankungen lange als unerreichbar galt.
Allerdings fällt der Therapieerfolg aktuell noch unterschiedlich aus. „Insbesondere in Gewebenischen können sich B-Zellen vor dem Immunsystem und speziell den T-Zellen verstecken, was eine dauerhafte Remission erschwert“, sagt Prof. Grieshaber-Bouyer. In seinem ERC-geförderten Projekt NEUTRO-RESET nimmt der Immunologe deshalb nicht nur B- und T-Zellen, sondern eine weitere Gruppe weißer Blutkörperchen ins Visier: Neutrophile, die am häufigsten vorkommenden Zellen des angeborenen Immunsystems. „Meine Hypothese ist, dass unterschiedliche Zustände der Neutrophilen innerhalb von Gewebenischen die Wirksamkeit von T-Zell-basierten Therapien und damit die Qualität des Immun-Resets entscheidend beeinflussen“, sagt Prof. Grieshaber-Bouyer.
In NEUTRO-RESET will der Forscher die Interaktion zwischen Neutrophilen und Lymphozyten untersuchen, das Ansprechen auf T-Zell-basierte Therapien vorhersagen und validieren, wie Neutrophilen-Zustände die T-Zell-Zytotoxizität und das Überleben von B-Zellen steuern. Grundlage sind verschiedene eigens entwickelte Modellsysteme sowie Gewebe- und Blutproben von Patientinnen und Patienten, die in verschiedenen Kohorten mit T-Zell-basierten Therapien behandelt werden. „Wir holen Neutrophile aus der Zuschauerrolle und machen sie zu Protagonisten, um neue Ansätze zur Behandlung immunvermittelter Erkrankungen zu liefern“, sagt Ricardo Grieshaber-Bouyer. „In fünf Jahren wollen wir vor Therapiebeginn sagen können, wer eine therapiefreie Remission erreicht und wer nicht.“
Ricardo Grieshaber-Bouyer hat sein Medizinstudium an der Universität Heidelberg absolviert, an der Harvard Medical School in Boston geforscht und an der FAU einen Master of Health Business Administration erworben. Er ist Facharzt für Innere Medizin und Rheumatologie und Fachimmunologe in der Medizin 3 des Uniklinikums Erlangen. Seit 2023 ist er Professor für Klinische Systemimmunologie an der FAU. 2025 hat er die weltweit erste klinische Prüfung eines CD19-T-Zell-Engagers bei rheumatoider Arthritis initiiert. Für sein Wirken an der Schnittstelle von klinischer Medizin, Wissenschaft und Biotechnologie-Unternehmertum wurde er in die Forbes-Liste „30 under 30 – Europe – Science & Healthcare (2025)“ aufgenommen.
Mit Licht, Roboter und KI gegen chronische Wunden bei Diabetes
Wer an schwerem Diabetes mellitus Typ 2 erkrankt ist, entwickelt häufig chronische, nicht heilende Geschwüre, insbesondere an den Beinen. Im schlimmsten Fall müssen die Gliedmaßen amputiert werden. Grundlage einer solchen Entscheidung ist nicht nur die Wunde selbst, sondern auch der Zustand der Blutgefäße der Betroffenen. „Häufig liegt der Fokus auf der Korrektur von Läsionen in den Makrogefäßen, während Schäden an den kleinen Gefäßen weitgehend übersehen werden“, erklärt PD Dr. Dr. Angelos Karlas, Facharzt in der Gefäßchirurgischen Abteilung des Uniklinikums Erlangen. Diese diabetesassoziierte Mikroangiopathie, kurz: DAM, stört das Gleichgewicht zwischen lokaler Durchblutung und dem Energiebedarf des Gewebes und kann zur Entstehung chronischer Wunden beitragen. „In kritischen Organen wie Nieren, Nerven und Augen ist dieser Prozess bereits gut untersucht. In Haut, Fettgewebe und Skelettmuskulatur ist seine Bedeutung dagegen bislang deutlich weniger erforscht“, sagt Angelos Karlas.
Diese Lücke will der Facharzt für Gefäßchirurgie mit seinem ERC-geförderten Projekt ARETEOS schließen. „Ziel ist eine Roboter- und KI-gestützte Plattform, die mithilfe optischer und optoakustischer Verfahren die Durchblutung und die Sauerstoffkinetik im Weichgewebe abbildet“, sagt Dr. Karlas. Die robotergestützte Bildgebung soll verschiedene Gewebeschichten – von der Haut bis zur Muskulatur – standardisiert untersuchen und dabei Informationen über Mikrogefäße, Durchblutung und Sauerstoffversorgung liefern. Mithilfe Künstlicher Intelligenz werden diese Daten ausgewertet, um das Risiko chronischer Wunden und ihre Heilungschancen bei Diabetes besser vorherzusagen. „Perspektivisch könnte eine Systemplattform entstehen, mit der – ähnlich wie beim CT oder MRT – verschiedene Körperregionen untersucht werden können und die ein Screening bei Diabetes schon vor dem Auftreten nicht heilender Wunden zulässt“, erklärt Angelos Karlas. Zudem sei eine Anwendung des Verfahrens auch bei anderen kardiovaskulären und metabolischen Erkrankungen denkbar.
Für seine Arbeit an der Schnittstelle von Medizin und Ingenieurwissenschaften bringt Angelos Karlas eine außergewöhnlich breite Expertise mit: Der gebürtige Grieche studierte Humanmedizin sowie Elektro- und Informationstechnik an der Aristoteles-Universität Thessaloniki und Medizinische Robotik am Imperial College London. Seine wissenschaftliche Laufbahn führte ihn an das Helmholtz Munich und die Technische Universität München (TUM), wo er forschte und eine Arbeitsgruppe leitete. Parallel war er über mehrere Jahre klinisch in der Gefäßchirurgie des TUM Universitätsklinikums tätig und schloss dort seine Facharztausbildung ab. Nach Promotionen zum Dr. rer. nat. und Dr. med. habilitierte er sich 2026 an der TUM. Seit 2026 arbeitet Angelos Karlas als Facharzt für Gefäßchirurgie am Uniklinikum Erlangen und verbindet dort seine klinische Tätigkeit mit translationaler Forschung.
Über den ERC Starting Grant
Der ERC Starting Grant fördert exzellente Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler beim Übergang zur wissenschaftlichen Unabhängigkeit und beim Aufbau einer eigenen Forschungsgruppe. Gefördert werden bahnbrechende, visionäre und risikoreiche Projekte in der Grundlagenforschung. Vorgaben für bestimmte Fachbereiche oder Themen gibt es nicht, das alleinige Kriterium für die Vergabe ist wissenschaftliche Exzellenz. Die Fördersumme für die Starting Grants beträgt bis zu 1,5 Millionen Euro für eine Laufzeit von maximal 5 Jahren, unter bestimmten Bedingungen können zusätzliche Mittel von bis zu einer Million Euro bewilligt werden. Die Europäische Kommission vergibt die Mittel über den Europäischen Forschungsrat (ERC) im Rahmen des EU-Forschungsrahmenprogramms „Horizont Europa“.
Quelle: uni | mediendienst | aktuell Nr. 106/2026
Weitere Informationen:
Prof. Dr. Ricardo Grieshaber-Bouyer
09131 85-32093
ricardo.grieshaber(at)uk-erlangen.de
PD Dr. Dr. Angelos Karlas
09131 85-37092
angelos.karlas(at)uk-erlangen.de



