Zelluläre Immuntherapien sind hochmoderne, personalisierte Behandlungsansätze
Körpereigene Abwehrzellen werden so modifiziert, dass sie therapeutisch relevante Zielstrukturen zielgerichtet erkennen und beeinflussen bzw. eliminieren können. Dendritische Zelltherapie, regulatorische T-Zellen (Tregs) sowie CAR-T-Zellen spielen dabei eine wesentliche Rolle. Auf all diesen Gebieten haben klinisch forschende Ärztinnen und Ärzte des Uniklinikums Erlangen mit ihren innovativen Ansätzen ganz neue Wege beschritten.
CAR-T-Zell-Therapie
Die heute am weitesten verbreitete Form der zellulären Immuntherapie ist die sogenannte CAR-T-Zell-Therapie („chimeric antigen receptor“-T-Zell-Therapie). Dabei werden körpereigene T-Zellen eines Patienten bzw. einer Patientin genetisch so modifiziert, dass sie gezielt körpereigene Zellen eliminieren. Diese körpereigenen Zellen können entweder autoreaktive Immunzellen sein, die überschießende Immunreaktionen auslösen, oder auch Krebszellen, die gesucht und dann zerstört werden.
Über die letzten Jahre hat sich die zellbasierte Immuntherapie mit CAR-T-Zellen als Standardtherapie in der Hämatologie fest etabliert. Auch bei soliden Tumoren gibt es in frühen klinischen Studien zunehmend vielversprechende zelluläre Therapiekonzepte für maligne Erkrankungen aus den Bereichen der Uro-, Gastro- oder Gynäko-Onkologie. Erste T-Zellprodukte wie die Tumor-infiltrierenden Lymphozyten (TIL) wurden 2024 von der FDA für die Behandlung des metastasierten Melanoms zugelassen.
Bei Autoimmunerkrankungen wurde 2021 ein weltweit erster, bahnbrechender Erfolg mit CAR-T-Zellen an einer Patientin mit systemischem Lupus erythematodes am Uniklinikum Erlangen erzielt. Seither folgten viele weitere individuelle Heilversuche sowie eine Reihe von frühen klinischen Studien zur Behandlung verschiedener Autoimmunerkrankungen sowohl bei Erwachsenen als auch pädiatrischen Patientinnen und Patienten. Auch bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen und bei neurologischen Autoimmunerkrankungen gibt es erste, z.T. spektakuläre Erfolge zum Einsatz der CAR-T-Zellen.
Regulatorische T-Zellen (Tregs)
Regulatorische T-Zellen (Tregs) sind spezialisierte Immunzellen, die als „Bremse“ des Immunsystems fungieren, indem sie überschießende Reaktionen unterdrücken. Tregs werden aus Patientenblut zunächst im Labor angereichert, vermehrt und dann dem Patienten wieder zugeführt (adoptiver Transfer), um das Gleichgewicht des Immunsystems wiederherzustellen. Anwendungsbereiche sind Autoimmunerkrankungen und chronische Entzündungen. In Erlangen wurden körpereigene Tregs erstmals erfolgreich in einer frühen Phase-I-Studie bei Patienten mit Colitis ulcerosa eingesetzt. Neben einer sehr guten Verträglichkeit besserten sich die Beschwerden in der Mehrheit der Patientinnen und Patienten, sodass die Anwendung von Tregs in weiteren klinischen Studien geplant wird.
Dendritische Zelltherapie
Die dentritische Zelltherapie ist wie andere zellbasierte Immuntherapien eine Individualtherapie zur Behandlung von Krebserkrankungen. Dem Patienten werden unreife dendritische Zellen aus dem Blut entnommen, im Labor mit Tumorantigenen beladen und dabei mit Zytokinen stimuliert. Die gereiften dendritischen Zellen werden dem Patienten schließlich reinfundiert. Diese Impfung soll das Immunsystem befähigen, die verbliebenen Tumorzellen zu bekämpfen. Dieser experimentelle Therapieansatz wurde über Jahrzehnte in Erlangen entwickelt und erprobt. Die Studien haben wichtige Erkenntnisse ergeben und das Forschungsfeld insgesamt geprägt.
Die erfolgreiche Entwicklung der Zell- und Gentherapie am Uniklinikum Erlangen basiert auf dem langjährigen Forschungsschwerpunkt der Medizinischen Fakultät im Bereich der Immunforschung – getragen von klinischer Exzellenz, translationaler Forschung und eigener Herstellungskompetenz. Die nächsten Jahre werden eine starke institutionelle Struktur erfordern, um diese Entwicklung nachhaltig und international sichtbar weiter mitzugestalten und auszubauen.
Ziel
Mit der Etablierung eines gemeinsamen interdisziplinären Zentrums für Zell- und Gentherapie (iZGE) wird eine zukunftsfähige Plattform geschaffen, die Innovation, Zusammenarbeit und Patientenzugang gleichermaßen fördert mit dem Ziel, klinisch-wissenschaftliche Spitzenleistung zu vereinen und neue Maßstäbe in der patientennahen Zelltherapie zu setzen.
Koordination
Medizinische Klinik 5 – Hämatologie und Internistische Onkologie (Prof. Dr. med. Fabian Müller, M5-CART(at)uk-erlangen.de), Leitung des iZGE
Hautklinik (Prof. Dr. Caroline Voskens; Onkstudienzentrale.DE(at)uk-erlangen.de )
Medizinische Klinik 1 – Gastroenterologie, Pneumologie und Endokrinologie (Prof. Dr. med. Raja Atreya; med1-studien(at)uk-erlangen.de)
Medizinische Klinik 3 – Rheumatologie und Immunologie (Prof. Grieshaber-Bouyer, Dr. Hagen, Dr. Wirsching; Car-T-cell.UKER@uk-erlangen.de)
Neurologie (Prof. Dr. med. Veit Rothhammer; nl-studienambulanz(at)uk-erlangen.de)
Struktur
Auf Initiative der Klinik für Hämatologie/Onkologie (Medizin 5) und unter Mitwirkung der Kliniken für Dermatologie, Rheumatologie/Immunologie (Medizin 3), Gastroenterologie (Medizin 1) und Neurologie werden die vorhandenen Expertisen in diesem Zentrum gebündelt und Synergien durch die gemeinsame Nutzung von Ressourcen, Personal, regulatorischer Beratung, Dokumentation und IT genutzt.
Das iZGE ist als ein gemeinsames Zentrum unter dem Dach des Deutschen Zentrums Immuntherapie (DZI) in enger Zusammenarbeit mit dem CCC Erlangen-EMN und allen beteiligten Fachdisziplinen organisiert. Klinik, Herstellung, Forschung und Lehre bilden die Schwerpunkte des Zentrums.
Klinik
Unsere klinische Einheit koordiniert zentrale Indikationsboards, standardisierte Abläufe und die interdisziplinäre Langzeit-Nachsorge. Ziel ist eine patientenorientierte, effiziente und evidenzbasierte Versorgung über alle Phasen hinweg: von akuten Entscheidungen über therapierelevante Maßnahmen bis hin zur langfristigen Nachsorge. Durch regelmäßige Fallbesprechungen, klar definierte Behandlungsabläufe und einer engen Zusammenarbeit zwischen den Kliniken sichern wir konsistente Entscheidungsprozesse und Transparenz. Unsere Langzeit-Nachsorge umfasst individuelle Nachsorgepläne, Digital-/Telemedizinische Reach-Outs, Re-Evaluationen und interdisziplinäre Fallkonferenzen.
Herstellung
Unser Hauptziel ist es, durch innovative zelluläre Immuntherapien neue Perspektiven für Patienten mit entzündlichen, autoimmunen und onkologischen Erkrankungen zu schaffen. Einer der Schwerpunkte liegt dabei auf der Erforschung und Anwendung von CAR-T-Zellen. Die zertifizierten Herstellungen dieser Therapien, die in geplanten und laufenden Studien eingesetzt werden, erfolgt in zertifizierten Reinraumlaboren der Medizinischen Klinik 5 am Internistischen Zentrum und der Hautklinik am Kussmaul Campus.
Forschung
In unserer translationalen Forschung untersuchen wir die komplexen Prozesse, die Entzündungen, Autoimmunerkrankungen und Krebs zugrunde liegen. Durch die enge Verzahnung von Grundlagenforschung und klinischer Anwendung streben wir danach, unsere Erkenntnisse schnell und effektiv in die Patientenversorgung zu integrieren. Neben dem Verständnis zur Auflösung von Entzündungsprozessen in Krebs und Autoimmunkrankheiten, der Tumormikroumgebung und neuen Zelltherapieansätzen stehen auch Fragen wie die Folgen der CAR-T-Zelltherapie auf das Immunsystem und dessen Langzeitfunktion im Zentrum der Wissenschaft.
Lehre
Für eine fundierte, interdisziplinäre Ausbildung werden wir klinische Ausbildung, wissenschaftliche Fortbildung und berufliche Kompetenzen in den verschiedenen Studiengängen der FAU wie im Masterstudiengang „Integrated Immunology“, der Ausbildung von Studierenden der Biologie und der Medizin bündeln. Ein Graduierten-Kolleg (GRK) ist ebenfalls Teil des geplanten Ausbildungsprogramms.
Der EBMT-Austausch (European Group for Blood and Marrow Transplantation) wird zudem als zentrales Element die Ausbildungs- und Weiterbildungsstrategie durch Austauschprogramme, kliniknahe Hospitationen und strukturierte Supervisions-Modelle ergänzen.
Eine Forschungsförderung nach der fachärztlichen Ausbildung mit Schwerpunkt Immunmedizin ist über das am DZI angesiedelte Advanced Clinician Scientist Programm iIMMUNE_ACS möglich.










